Béla Bartók: Mikrokosmos

16 Stücke für Gitarre bearbeitet von Siegfried Steinkogler

Béla Bartóks Mikrokosmos gilt bis heute als unübertroffenes Kompendium an Klavierstücken pädagogischer Prägung. Seine Entstehung fällt, von kleineren Skizzen abgesehen, in die Jahre 1932 – 39, In Zeitungsartikeln und Programmnotizen dokumentierte der Autor hinlänglich den Schaffensprozess seines umfangreichsten, aus 153 Stücken bestehenden, Lehrwerks. Größtes Augenmerk legte der Meister auf den nahtlosen Übergang von einer zur nächsten Aufgabenstellung wie auch auf eine kontinuierliche Fortschreitung des Schwierigkeitsgrades innerhalb der Spielstücke. 

1940 erschien der Mikrokosmos unterteilt in 6 Hefte. Dies entgegen Bartóks Intention, da er die Hefte 1 – 4 als Einheit konzipiert hatte und Heft 5 und 6 als Übematerial für werdende Pianisten.

 

Welchen Stellenwert Bartók dem Mikrokosmos innerhalb seines Schaffens einräumte, beweist die Tatsache, dass er selbst in seinen Konzerten daraus spielte und sogar Aufnahmen anfertigen ließ.

 

Die vorliegende Ausgabe bietet nun eine Auswahl jener gehaltvollen Miniaturen in meiner Bearbeitung für fortgeschrittene GitarristInnen. Nahezu alle Stücke habe ich den Heften 3 und 4 entnommen, Staccato und Hanswurst dem 5. Heft. Die Übertragung für Gitarre folgte dabei stets dem Prinzip der größtmöglichen Nähe zum Originaltext. Bei mehreren denkbaren gitarristischen Lösungen habe ich oftmals auf eine vereinfachende zugunsten einer anspruchsvolleren, aber detailgetreuen Variante verzichtet, so wie es von Béla Bartók im Vorwort zur Erstausgabe bezüglich des kreativen Umgangs mit dem Spielmaterial gefordert wurde:

 

“Es wird empfohlen, die leichten Übungen und Stücke in andere Tonarten zu transponieren und sogar die Übertragung von gewissen Stücken aus den ersten drei Heften zu versuchen. Es kann sich nur um strenge Übertragungen (…) handeln.” -  

 

Ganz offensichtlich billigt hier der Komponist  das Arrangieren und Transkribieren des Notentextes, solange in die Substanz der Musik nicht eingegriffen wird. Dabei wäre sogar die Wahl einer anderen Grundtonart zulässig, worauf ich in meinen Bearbeitungen jedoch explizit verzichtet habe. Die Charakteristik der teilweise legendär gewordenen Stücke sollte in jedem Fall erhalten bleiben.

 

Das auf den Mikrokosmos angewandte Gesamtkonzept sah auch eine Beschreibung der einzelnen Stücke vor. So weit diese Anmerkungen auch für den Gitarristen relevant sind, seien diese hier angeführt. Sie stammen vom Komponisten selbst:

 

Nr. 1 - Hommage à R. Sch.

Verwendet komplexere und reichere Harmonien der frühromantischen Epoche. Charakter wie in Schumanns Musik.

 

Nr. 2 – Umherirren

Melodische Figuren, die einen Ton höher oder niedriger wiederholt werden. Kontrast von Dur- und Mollterzen. Keine festgelegte Tonart. Absolute Musik.

 

Nr. 3 – Scherzo

Soll frisch und mit starken Akzenten gespielt werden.

 

Nr. 4 - Melodie mit Unterbrechungen

Ungarische Volkslied-Melodie: authentisch, nicht erfunden. Trillerartige Doppelgriffe, unterbrochen von wiederholten stark akzentuierten Noten. Verwandt mit dem Thema in Strawinskys Petruschka.

 

Nr. 5 – Spielerei

Gute Übung für synkopierte Rhythmen. In mixolydischer Tonart auf E mit kleiner Septime.

 

Nr. 6 – Variationen

Gebrauch von komplizierteren Akkorden gegenüber der Melodie. Beachte die Wechsel in Tempo und Rhythmus. Charakter von d-Moll, aber Schluss auf einem Quartsextakkord von D-Dur.

 

Nr. 7 - Chromatische Invention (1)

Dem Vorbild Bachs nachempfunden, in der chromatischen Schreibweise. Zweistimmige Invention, einfach und klar. Stimmen mit Imitation in gerader Bewegung und Umkehrung.

 

Nr. 8 - Chromatische Invention (2)

Die Stimmen beginnen im Unisono. Freier geschrieben als die erste Invention, von völlig anderem Charakter. Geschrieben im Rahmen eines Pentachords mit chromatischen Zwischentönen.

 

Nr. 9 – Notturno

Nostalgisches Stück in e-Moll, erinnert an Chopin oder Skrjabin. 

 

Nr. 12 - Auf der Insel Bali

Impressionistische Komposition, die vielleicht eine Szene in den Tropen beschreibt. Danach, im Risoluto-Abschnitt, findet eine Handlung oder ein Tanz statt, am Ende kehrt das Stück zum Anfangstempo und zur anfänglichen Stimmung zurück. Die Tonart ist unbestimmt, aber das Stück schließt in d-Moll und f-Moll.

 

Nr. 13 - Bulgarischer Rhythmus (1)

Die Melodie ist ungarisch, der Rhythmus bulgarisch. Der bulgarische Rhythmus hat kurze Einheiten. 7/8-Takt. Die Melodie ist synkopiert und nicht symmetrisch. 7/8- und 5/8-Takt sind typisch für die bulgarische Musik.

 

Nr. 14 - Bulgarischer Rhythmus (2)

Dies ist eine originale bulgarische Melodie. Alterierte Tonart von G.

 

Nr. 15 – Staccato

Repetierende Noten in kurzem, schnellen Staccato-Anschlag. Erfordert leichte, schnelle Bewegungen, kräftige Akzentuierungen und Wechsel der dynamischen Schattierung. Kann sehr effektvoll sein, wenn es mit Lebhaftigkeit gespielt wird.

 

Nr. 16 – Hanswurst

Wechsel in Tonart und Tonalität erzeugen einen heiteren, lustigen Effekt. An einigen Stellen Dur gegen Moll. Tonart: C.

 

 

Zur Interpretation:

 

Um die lineare, polyphone Anlage von Bartóks Musik zu wahren, ist es besonders wichtig die Unterstimme auf der Gitarre gut zu üben. Nur so wird eine optimale Ausgeglichenheit zwischen den Stimmen erreicht (etwa in Chromatische Invention 1 und 2, Umherirren, Hommage á R. Sch., Auf der Insel Bali, ...). 

Die harfenartigen Legato-Effekte in Spielerei und Notturno müssen auch bei Verwendung alternativer Fingersatzmöglichkeiten unbedingt beibehalten werden, weil sie den Pedaleinsatz des Klaviers ersetzen. 

Bulgarischer Rhythmus (1):  Die unterschiedliche Artikulation von Melodie und Begleitung erfordert einen entsprechenden Übeaufwand. Besonders zu achten ist dabei auf die Ausführung der Staccato-Noten in der Melodie. 

Auf der Insel Bali: Wegen der unterschiedlichen Tonalität der beiden Stimmen ergeben sich in den Takten 19, 21 und 22 Zusammenklänge der Noten gis und ges, was auf einem Notensystem nur schwer notierbar ist. Eine ähnliche Konstellation ergibt sich in Staccato (Takt 14, 6. Achtel) mit den Noten “a” in der Ober-  und “as” in der Unterstimme.

 

Zuletzt möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass viele GitarristInnen sich auf die musikalische Welt von Bartóks Mikrokosmos einlassen werden – und das nicht mehr nur auf dem Klavier, sondern jetzt auch auf der Gitarre!

 

Siegfried Steinkogler, Februar 2019

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